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Süddeutsche Zeitung berichtet über die DAS-IK

Der Anschlag auf Dr. Huthifa hatte ein enormes mediales Interesse zur Folge. Mehr als 50 Artikel im In- und Ausland berichten über Dr. Huthifas Kampf für eine offene Gesellschaft und für neue Wege innerhalb der arbischen Gesellschaft in Deutschland.



Exemplarisch für alle Artikel möchten wir hier die Süddeutschen Zeitung zitieren, die Dr. Huthifa und dem Wirken unserer Deutsch-Arabischen Schule einen sehr gelungenen Artikel auf der Seite 3 gewidmet hat. Der Text ist vom wundervollen Thorsten Schmitz und die Fotos sind von Friedrich Bungert. Den gesamten Artikel lesen Sie hier


Süddeutsche Zeitung – Seite 3



Im Visier

Hudhaifa Al-Mashhadani leitet die Deutsch-Arabische Schule in Neukölln. Sie reden hier über Vielfalt, Toleranz, lauter Dinge, die Islamisten ganz und gar nicht gefallen. Dann wollte ihn einer vor die U-Bahn schubsen, am helllichten Tag. Mitten in Berlin.


Von Thorsten Schmitz (Text) und Friedrich Bungert (Fotos)

11. Dezember 2025 |


Hudhaifa Al-Mashhadani zitterte am ganzen Körper, als er sein Büro betrat im vierten Stock eines Neuköllner Neubaus. Es war Freitag, der 14. November, kurz nach elf Uhr. Vor zwanzig Minuten wäre er fast getötet worden.


Er schloss das Fenster, ließ die Jalousien herunter, Neukölln wollte er jetzt nicht sehen, den Lärm der Karl-Marx-Straße nicht hören. Vor dem Fenster steht ein elektrisches Klavier. Immer wenn er sich „sammeln“ muss, spiele er darauf, sagt er jetzt, drei Wochen nach dem Angriff, den er Mordversuch nennt. Ihm sei an diesem Freitag, dem 14. November, zum Weinen zumute gewesen, am liebsten hätte er geschrien, aber es kamen keine Tränen, er brachte keinen Ton heraus. Also klimperte er eine Viertelstunde lang einfach nur herum. „Ich war total im Schock“, sagt er jetzt in seinem Büro, in dem noch immer die Jalousien heruntergelassen sind. Er kann es eigentlich noch immer nicht fassen: ein Anschlag, am helllichten Tag, mitten in Deutschland, auf dem U-Bahnsteig Rathaus Neukölln.


Die U 7 fuhr gerade ein, als ein junger Mann mit roter Kufija, dem palästinensischen Halstuch, ihn aufs Gleisbett schubsen wollte. Der Mann habe mit voller Wucht in seinen Rücken gestoßen, reflexartig habe er sich dagegen gelehnt, sagt Al-Mashhadani. Als sich die U-Bahntüren öffneten, rannte er in den Waggon. Er habe dem Angreifer direkt ins Gesicht geschaut: Mit zwei Fingern zeigt er auf Al-Mashhadanis Augen, dann bewegt er die Finger am Hals entlang.


Wir beobachten dich, so versteht Al-Mashhadani die Gesten. Und: Wir werden dich umbringen. „So was kenne ich aus dem Irak“, sagt er. „Aber doch nicht aus Berlin.“


Professor Dr. phil. Al-Mashhadani leitet Berlins einzige private säkulare Deutsch-Arabische Schule. Siebenhundert Kinder und Jugendliche werden hier in Arabisch unterrichtet, freiwillig, an den Wochenenden, weil sie in Deutschland ihre Muttersprache nicht verlernen möchten. An Al-Mashhadanis Schule lernen sie aber auch etwas über das Christentum und das Judentum, über Holocaust und Antisemitismus, darüber, was eine Gesellschaft zusammenhält und was sie gefährdet. Mädchen und Jungen werden gemeinsam unterrichtet, die Haare dürfen hier offen getragen werden. Letztens, an Ramadan, hat Al-Mashhadani das Fastenbrechen der Schule in ein queeres Café in Neukölln verlegt, das immer wieder von Islamisten angegriffen wird. Die Schule, benannt nach dem tunesischen Gelehrten Ibn Khaldun, beschreibt sich auf ihrer Internetseite als „Symbol für Bildung, interkulturellen Dialog und kulturelle Vielfalt“.



Dialog und Vielfalt, das geht manchen offenbar zu weit. Al-Mashhadani und seine Schule werden schon länger bedroht. In Mails und auf Plakaten wird gegen ihn gehetzt, auf der Straße wird er verfolgt und angepöbelt, die Schule mit roten Dreiecken besprüht, dem Motiv, mit dem die Hamas Feinde markiert. Einmal haben Unbekannte in einem Nebengebäude Fenster eingeworfen, drei Kinder wurden verletzt. Am 14. November dann der Anschlag auf dem U-Bahnsteig. Al-Mashhadani stammt aus einer irakischen Politikerfamilie, sein Vater war in den Siebzigerjahren Kulturattaché der irakischen Botschaft in Bonn. Die Familie ist mit Schafzucht und Immobilien wohlhabend geworden. Vor sechs Jahren hat Hudhaifa Al-Mashhadani in Deutschland dann politisches Asyl bekommen, weil er im Irak Angst um sein Leben hatte.


Und jetzt hat er Angst um sein Leben in Deutschland.


Nach dem Klavierspiel an jenem Vormittag rief Al-Mashhadani erst seine Frau an, danach einen befreundeten Rabbiner, der das ja auch alles kennt. Dann gab er online eine Anzeige auf und schrieb eine E-Mail ans Landeskriminalamt, Abteilung Staatsschutz. Um 13.50 Uhr schickte er sie ab. Dass er um 10.40 Uhr am U-Bahnsteig Rathaus Neukölln „plötzlich und völlig unerwartet von hinten mehrfach heftig gestoßen“ worden sei, „als wolle mich jemand vor den Zug schubsen“. Dass der Angreifer auf seinen Rücken geboxt habe. Dass er darum bitte, dass „alle möglichen Maßnahmen“ eingeleitet würden, „um die Identität dieser Person festzustellen und weitere Gefährdungen auszuschließen“.


Bis heute hat Hudhaifa Al-Mashhadani keine Antwort bekommen auf diese Mail. Fragt man beim Landeskriminalamt nach, warum er keine Antwort erhalten habe und keinen Personenschutz bekomme, wie etwa der ebenso gefährdete Islamkritiker Ahmad Mansour, heißt es, aus „Persönlichkeits- und polizeitaktischen Gründen kann zu Ihrer Anfrage grundsätzlich keine Auskunft erteilt werden“. Die Staatsanwaltschaft bestätigt der SZ, dass Ermittlungen wegen Körperverletzung gegen einen dreißigjährigen Beschuldigten geführt würden. Auch Videoaufzeichnungen vom U-Bahnsteig würden ausgewertet.


Sie glauben nicht, wer gerade angerufen hat, sagt Al-Mashhadani: Söder. Kein Witz

Ein Mittwoch Anfang Dezember, Hudhaifa Al-Mashhadani, 45, steht in seinem Büro, Handy am Ohr. Neonlicht knallt von der Decke, im Bücherregal stehen der Koran und Harry Potter auf Arabisch, auf dem Tisch Baklava und Diet Cola. Er legt auf. Sie glauben ja nicht, sagt er, wer das eben am Telefon war: „Der Ministerpräsident von Bayern!“ Söder habe gesagt, kommen Sie zu uns nach München, so einen wie Sie brauchen wir hier für die Islamistenbekämpfung. Er könne sofort anfangen, man besorge ihm auch eine Wohnung. Einen Satz, den Söder gesagt habe, wiederholt Al-Mashhadani drei Mal: Die Berliner Polizei schützt Sie nicht.


Nach dem Telefonat muss Al-Mashhadani sich erst mal setzen, Tee trinken, dann erzählt er von dem Mann, der ihn vor die U-Bahn schubsen wollte. Natürlich habe er sich nach dem Angriff gefragt, ob er weitermachen soll. „Ich wollte alles hinschmeißen. Ich will doch leben.“ Jeden Monat zahle er aus eigener Tasche 2700 Euro, um den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten, vom Senat bekomme er keinen Cent. Auch das Wiener Innenministerium habe ihm ein Angebot gemacht. Die Jobangebote schmeicheln ihm, aber er wird trotzdem erst mal bleiben. „Nichts ist mir wichtiger als meine Schule.“ Sie sei seine Familie.



Er wirkt aufgewühlt, der Söder-Anruf, das ganze Rampenlicht, alles ein bisschen viel gerade. In seinem Büro kann man die Klasse im Nebenzimmer hören, die Wände sind dünn, es sind Mütter, die üben, wie man in Deutschland Mietverträge ausfüllt. Wo waren wir gerade, fragt Hudhaifa Al-Mashhadani, Oberlippenbart, schwarze Haare, Jeans, und öffnet die Baklava-Schachtel. Ja, die U-Bahn, der Stoß, die Mail. Dann erzählt er erst mal, wie er aufgewachsen ist im Norden von Bagdad. Schon da habe er Krieg und Gewalt hinterfragt, er habe seinen Vater gelöchert, Papa, warum gibt es Kriege? Immer habe sein Vater nur „psst“ gesagt, schweig, Hudhaifa. Einmal habe ihm die Oma verraten, dass seine Eltern eine jüdische Familie geschützt hätten. Stimmt das, Papa? Der Vater habe nur gesagt, rede mit keinem darüber. In der Schule habe er die Lehrer gefragt: Warum müssen wir immer unseren Mund halten?



Hunderte Nachrichten hat Hudhaifa Al-Mashhadani bekommen nach dem Anschlag, auf Tiktok, Instagram, Facebook.


Er selbst postet und redet in Videoclips auch ständig über alles, was ihn bewegt. Er nutze die sozialen Medien, um aufzuklären, sagt er, „das ist meine Waffe gegen die Islamisten“. Er scrollt jetzt durch die Kommentare, viele auf Arabisch: „Bleib, Hudhaifa“ – „Hudhaifa, du darfst nicht aufgeben“ – „Wenn du Neukölln verlässt, ist Neukölln verloren.“ Viele Eltern schickten ihre Kinder auf seine Schule, sagt Al-Mashhadani, „weil sie nicht mehr die Lämmer der Islamisten sein wollen“.


Vor dem 7. Oktober 2023 waren vierhundert Kinder und Jugendliche an der Deutsch-Arabischen Schule, seit dem Hamas-Überfall seien dreihundert dazugekommen. Manchmal hilft er Jugendlichen, die ihn um Hilfe bitten, wie gerade erst dem sechzehnjährigen palästinensischen Mädchen. Es sollte während eines Familienbesuchs in Libanon zwangsverheiratet werden mit einem Fünfzigjährigen. Er habe dem Mädchen geholfen unterzutauchen. Al-Mashhadani hat viele Freunde, aber auch viele Feinde. Er lebt nicht in Neukölln, ist verheiratet mit einer Deutschen, sie haben einen Sohn. Mehr Privates möchte er nicht in der Zeitung sehen.


Hudhaifa Al-Mashhadani hat Medizin studiert und Politikwissenschaft, seinen Master machte er an der National Defense University Bagdad zum Thema Abbau extremistischer Gesellschaftsformen, er promovierte in Texas zum Thema Radikalismus und Terrorismusbekämpfung in sozialen Medien. Er hat im Außenministerium des Irak gearbeitet und im Verteidigungsministerium, er hat ein Team des US-Außenministeriums in Afghanistan geleitet und hat sich im Irak bei Parlamentswahlen als Direktkandidat aufstellen lassen und 170 000 Stimmen bekommen. Alles endete 2013, als er nach einem USA-Aufenthalt im Irak am Flughafen festgenommen wurde. Er sei ein „Spion“ Israels, wurde ihm vorgeworfen. Bei einem Auftritt in den USA hatte er gesagt, Israel und der Irak seien wie Cousins, „warum bekriegen wir uns seit siebzig Jahren“?


Was die ganzen „Biodeutschen“ auf den Hamas-Demos machen, versteht er nicht

Im Gefängnis sei er jeden Tag gefoltert worden. Noch heute litten seine Geschmacksnerven wegen der Stromschläge auf seiner Zunge. Nach zwei Jahren kam er wieder frei. Ein Richter gab ihm den Ratschlag: Bleib nicht im Irak. Aber er blieb, bis zu dem Tag, an dem Männer an seiner Tür klingelten in seinem Haus am Tigris und fragten: Willst du leben oder sterben? Sein Vater, sagt Hudhaifa Al-Mashhadani, habe ihm geraten, geh nach Deutschland, bitte um Asyl. Dort gebe es zwar auch Islamisten, aber die seien da „nicht so stark“.


Am nächsten Tag saß Hudhaifa Al-Mashhadani im Flugzeug und bat in Deutschland um politisches Asyl. Das war 2019. Seitdem hat er seine Eltern und seine fünf Geschwister nicht mehr gesehen.


Eine junge Frau klopft an der Tür, fragt, ob sie reden könnten. Gleich, sagt Al-Mashhadani auf Arabisch, sie schließt die Tür. Die Frau habe sich an ihn gewandt, weil die Polizei auf einer Demonstration in Neukölln ihre Personalien aufgenommen hat. Sie habe ihm gesagt, sie habe gedacht, es gehe bei der Demo „nur um Kinder im Gazastreifen“. Tatsächlich seien dort verbotene Parolen gerufen worden. Jetzt fürchte sie, dass sie Schwierigkeiten bekommt.


Schon öfter, sagt Hudhaifa Al-Mashhadani, sei er auf solche Demonstrationen gegangen, auch auf die Gefahr hin, beschimpft zu werden. Letztens erst war er auf einer in Kreuzberg. Dem Veranstalter habe er „direkt ins Gesicht“ gesagt: Warum hetzt du gegen andere Religionen, gegen andere Kulturen? Warum demonstriert ihr für Spaltung und nicht für Zusammenhalt? Er wisse, habe er dem Veranstalter gesagt, dass er den Auftrag für diese Demonstration aus Libanon bekommen habe.



Auf der Demonstration seien auch Mitglieder der arabischen Großfamilie Barbakh gewesen, die aus Chan Yunis im Gazastreifen stammen. Mehr als dreihundert Mitglieder der Familie sollen nach Informationen der Medien in Berlin leben. Was ihm auffalle: Wie viele „Biodeutsche“ auf diesen Demos seien und wie viele „Brasilianer, Spanier, Polen, Russen, Ukrainer“. Das sei doch „verrückt“, sagt er, dass „ausgerechnet“ diese Menschen sich mit Islamisten verbündeten.


In den letzten dreißig Jahren hätten Islamisten feste Strukturen in Neukölln aufgebaut, eine richtige „Parallelgesellschaft“. Allein auf der Sonnenallee würden der Muslimbruderschaft „sechzig Geschäfte“ gehören, Hamas-Anhänger würden dort Schutzgelder erpressen. Zu ihm kämen Mütter und erzählen ihm, dass Islamisten bei der Berliner Polizei arbeiteten. Überall in Berlin beobachte er, dass Menschen, die der Muslimbruderschaft nahe stünden, in der Politik, im Senat, in den Bezirksämtern säßen. „Ich kenne deren Familien. Die respektieren unsere Demokratie nicht, die lehnen unser System ab. Ich kenne die Struktur von A bis Z, weil ich Araber und Iraker bin und weil ich seit 25 Jahren über die Muslimbruderschaft forsche.“


Er nimmt sich ein Baklava, sagt, dass es ihn freue, wenn er etwas bewirken könne in Neukölln, nicht nur mit der Schule. Vor zwei Jahren habe er den Kindern und den Eltern seiner Schule gesagt: Spendet kein Geld mehr freitags nach dem Gebet in der Moschee. Viele, sagt er, hätten seinen Ratschlag befolgt. Sehr viele womöglich, denn ein paar Monate später hätten sich Moscheenvertreter beim Bezirksbürgermeister beschwert, Hudhaifa Al-Mashhadanis Idee bereite ihnen Finanzierungsprobleme. Das, sagt Hudhaifa Al-Mashhadani und lacht, „war für mich ja eine gute Nachricht“.


Dann erzählt er von dem Tag, an dem er sterben sollte. Mitten in Berlin

Dass er so liberal und weltoffen denkt, liege an seiner Familie. Man habe ihm eben nicht Hass und Intoleranz beigebracht. In seiner Familie werde immer gesagt: „Juden sind unsere Cousinen. Israel ist unser Nachbar, nicht unser Feind.“ Im Oktober empfing er den Bürgermeister der israelischen Küstenstadt Bat Yam, der vom Neuköllner Linken-Chef als „Völkermörder“ bezeichnet worden war. Al-Mashhadani zeigte ihm seine Schule und begleitete den Israeli sogar zum Flughafen.


Er will jetzt zum U-Bahnhof Rathaus Neukölln gehen. Auf der Straße bleibt er alle paar Meter stehen: Marhaba, grüßen sie ihn, Ahlan, wie geht’s, brauchst du Hilfe? Er klatscht Hände ab, klopft auf Schultern. Er fahre U-Bahn eigentlich nur noch, weil er U-Bahn fahren muss. Die Führerscheinbehörde erkennt seinen Führerschein nicht an. Aber die U-Bahnstation Rathaus Neukölln, sagt er, sei jetzt wie ein Grab für ihn. „Meine Füße wollen mich nicht hierherbringen.“ Seit dem Anschlag ruft er sich öfter mal ein Uber oder lässt sich, wie an diesem Mittwoch, vom Vater einer Schülerin auf dem Motorrad nach Neukölln fahren. Hudhaifa, hatte der Mann gesagt, ich beschütze dich.


Unten, auf dem Bahnsteig, erzählt er von dem Tag, an dem er sterben sollte. Der Tag hatte auf einem Friedhof in Schöneberg begonnen. Al-Mashhadani war zum Grab des früheren Schulleiters gegangen, eines „supersäkularen Liberalen“, der mutig gegen Islamisten gekämpft habe. Er habe dort Blumen abgelegt, als ihn sein Rabbiner-Freund anrief. Hudhaifa, kannst du mir helfen, ich möchte im Rathaus Chanukka feiern, aber dort reagiert niemand auf meine Idee. Kein Problem, ich schaue im Rathaus vorbei, habe er gesagt. Im Rathaus habe er aber niemanden angetroffen. Dann sei er zur U-Bahnstation gelaufen. Dann der Angriff. Noch am selben Tag habe er einen Anruf erhalten von einem Restaurantbesitzer in der Sonnenallee. Hier in einem Café auf der Sonnenallee feiern sie, dass dich jemand vor die U-Bahn gestoßen hat. Al-Mashhadani kennt das Café, die Betreiber seien Anhänger der Palästinensergruppe Samidoun, die am 7. Oktober 2023, dem Tag des Hamas-Massakers in Israel, Süßigkeiten auf der Sonnenallee verteilt hatte.



Er steht jetzt auf der zugigen U-Bahnplattform, Hände in der Jacke, und erzählt, wie es am nächsten Tag weiterging.


Er war in seiner Schule, er sei noch immer erschöpft, geschockt, innerlich gebrochen gewesen. Sein Telefon klingelte, eine Mitarbeiterin des Polizeiabschnitts 54 von der Sonnenallee. Man wolle ihn befragen. Ich komme sofort, sagte Al-Mashhadani. Aber lang blieb er nicht auf der Wache.


Sie sind also Lehrer an der Deutsch-Arabischen Schule?, fragte ein Beamter. Nein, sagte Al-Mashhadani, ich bin Direktor der Deutsch-Arabischen Schule. Sie sind also gestern zum ersten Mal bedroht worden? Nein, sagte Al-Mashhadani, gestern war es das sechste Mal, dass ich bedroht worden bin. Warum haben Sie Probleme mit Islamisten? Nach dieser Frage klappte Hudhaifa Al-Mashhadani sein Notizbuch zu, erhob sich und sagte: Ich gehe.


Über all das hat Hudhaifa Al-Mashhadani eine Whatsapp geschrieben. Der „Mordanschlag“ sei „der Preis dafür, wenn man Deutschland, seine Werte, sein Zusammenleben – und das jüdische Leben, das Recht auf die Existenz des jüdischen Volkes und die Verpflichtung ‚Nie wieder Holocaust‘ verteidigt“. Er wisse wirklich nicht, wo er anfangen soll nach dem Besuch auf der Polizeiwache. Er habe erwartet, „dass man versteht, wie knapp ich dem Tod entkommen war“. Doch was er vorfand, war „das Gefühl, als sei ich selbst der Verdächtige“. Seine Whatsapp-Nachricht endet mit dem Satz: „Mit Respekt, mit Liebe und mit einem schweren, aber ehrlichen Herzen, der vielleicht bald Verstorbene, Hudhaifa Al-Mashhadani.“


Dann lesen zwei Syrer die Geschichte eines jüdischen Jungen an Weihnachten vor

Vier Tage später ist er wieder in der Schule. Es ist Samstag, neun Uhr. In einer Stunde beginnt der Unterricht. Zwei Streifenpolizisten kommen in den vierten Stock, fragen Hudhaifa Al-Mashhadani, ob sie unten vor dem Gebäudeeingang stehen sollen oder hier oben im Flur. Seit Januar wird der Schuleingang geschützt, von Polizisten der örtlichen Wache, aber Personenschutz? Hat er bis heute nicht bekommen. Unten reicht, sagt Al-Mashhadani, hier oben sei ja in jedem Raum eine Kamera installiert. Die Polizisten stellen sich also vor den Eingang auf der Karl-Marx-Straße. Vorige Woche habe einer der Polizisten, ein Mann aus Tschetschenien, gefragt, ob er einen Gebetsteppich aus der Schule bekommen könne, er wolle kurz mal beten. Nein, hat Al-Mashhadani geantwortet, „wir sind eine säkulare Schule, bei uns wird nicht gebetet“.


Immer mehr Schülerinnen und Schüler strömen in den Flur. Die Kleinen rennen auf Al-Mashhadani zu, er umarmt sie. Die Älteren begrüßt er mit High Five. Eine Vierzehnjährige fragt, wie es ihm gehe, im Internet habe sie gelesen, was passiert ist. „Ich verstehe nicht, wie jemand so hassen kann, dass er Sie töten will.“ Sie kommt aus Syrien, lebt in Marzahn. Fast eine Stunde braucht sie nach Neukölln. Warum sie das auf sich nimmt, jeden Samstag? „Ich würde auch einen noch längeren Weg in Kauf nehmen“, sagt sie, lacht. „Mädchen können hier frei sein.“


Ein Vater begrüßt Al-Mashhadani auf Arabisch. Brauchst du was? Soll ich dich auf dem Nachhauseweg begleiten? Der Vater sagt, er schicke seine beiden Töchter auf diese Schule, weil ihm die Koranschulen in Neuköllns Hinterhöfen „zu religiös sind“. Sie hätten ihm gesagt, seine Töchter müssten Kopftücher tragen. Da habe er entschieden: „Es reicht.“



Dann beginnt der Unterricht. Hudhaifa Al-Mashhadani möchte über ein Pixi-Buch sprechen. In der Klasse sitzen Jugendliche aus dem Sudan, Libanon, dem Westjordanland, aus Syrien, Ägypten, Jordanien. Er fragt die Kinder, mit wie viel Prozent Lust sie heute am Unterricht teilnähmen. Hundert Prozent, sagen fast alle, nur ein Mädchen sagt: „Null Prozent. Meine Eltern haben mich hierher geschickt.“ Im Pixi-Buch „Warum feiert Noah kein Weihnachten?“ geht es um einen jüdischen Jungen und dessen Freunde, die Weihnachten feiern. Al-Mashhadani lässt zwei Jugendliche aus Syrien vorlesen. Dann reden sie über religiöse Feste, über Chanukka, das jüdische Lichterfest, über das christliche Weihnachten, das muslimische Zuckerfest. Eine ganz normale Unterrichtsstunde.


„Die anderen dürfen nicht gewinnen“, hatte Hudhaifa Al-Mashhadani am Morgen gesagt, bevor er die Kinder begrüßte. Er sei eben auch ein bisschen verrückt, sagte er, sonst hätte er schon längst aufgegeben. Er boxt jetzt, das gebe ihm ein „Gefühl der Sicherheit“.


Vor ein paar Tagen hat ihn sein Vater angerufen. Hudhaifa, mein Sohn, habe er gesagt, ich mache mir Sorgen um dein Leben. Verlasst Berlin, habe er geraten, geht nach Jordanien, du willst doch nicht sterben. Papa, hat Hudhaifa Al-Mashhadani gesagt, „ich kann meine siebenhundert Kinder doch nicht im Stich lassen“.




 
 
 

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